Gefälschte Studien in systema­tischen Reviews: ein wachsendes Problem

Systematische Übersichts­arbeiten spielen eine zentrale Rolle in der evidenz­basierten Gesundheits­ver­sorgung, indem sie Forschungs­ergebnisse bündeln. Doch wenn gefälschte Studien ein­fließen, kann das zu Fehl­informationen und falschen wissen­schaft­lichen Schluss­folgerungen führen. 2023 wurden erstmals über 10.000 Forschungs­artikel zurück­ge­zogen – oft wegen Betrugs oder Plagiaten. Expertinnen und Experten gehen jedoch davon aus, dass dies nur die Spitze des Eis­bergs ist.

Ein besonders besorgnis­erregendes Phänomen sind „Paper Mills“ – kommerzielle Anbieter, die gegen Bezahlung gefälschte Studien produzieren und veröffentlichen. Dank künstlicher Intelligenz gelingt es ihnen, tausende manipu­lierte Arbeiten pro Jahr einzu­schleusen, die auch große systema­tische Reviews ver­fälschen können.

Das zeigt sich aktuell bei Cochrane Reviews im Bereich Nahrungs­ergänzung in der Schwanger­schaft und Still­zeit. Strengere Integritäts­prüfungen führten dazu, dass zahlreiche Studien ausge­schlossen wurden – mit direkten Aus­wirkungen auf die Ergebnisse:

  • Calcium-Supplementation: In einer Analyse zur Wirkung von Calcium während der Schwanger­schaft auf Früh­geburt­lichkeit und Geburts­gewicht wurden vier Studien entfernt. Das Ergebnis änderte sich leicht: Während zuvor kein Effekt fest­ge­stellt wurde, deutet die aktuelle Evidenz darauf hin, dass eine tägliche Calcium­aufnahme (≥ 1 g) möglicher­weise das Risiko einer Früh­geburt senkt.
  • Orale Eisen-Supplementation: Hier wurden insgesamt 20 Studien ausge­schlossen, darunter zehn aus der vorherigen Review-Fassung. Während frühere Analysen nur Vorteile für die Mutter zeigten, legt die aktuelle Fassung nahe, dass die tägliche Ein­nahme von Eisen auch das Risiko für niedriges Geburts­gewicht beim Kind verringert.
  • Vitamin-D-Supplementation: Besonders drastische Aus­wirkungen hatte die Integritäts­prüfung bei diesem Review. 21 zuvor einge­schlossene Studien wurden entfernt, wodurch die bisherige Evidenz zu den Vorteilen der Vitamin-D-Supplementation für Mutter und Kind nun als unsicher oder sehr un­sicher einge­stuft wird.

Diese Fälle verdeutlichen, dass mani­pulierte Studien die gesamte wissen­schaft­liche Evidenz­lage verzerren können.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, entwickelt Cochrane derzeit das INSPECT-SR-Tool, das problema­tische Studien frühzeitig identifi­zieren soll. Eine absolut zuver­lässige Methode zur Entlarvung gefälschter Forschung gibt es jedoch bislang nicht. Fest steht: Systematische Reviews müssen sich stärker gegen manipu­lierte Studien wappnen.
 


Quellen:
Van Noorden R. More than 10,000 research papers were retracted in 2023 – a new record. Nature 2023; 624: 479–481
Fang FC et al. Misconduct accounts for the majority of retracted scientific publications. Proceedings of the National Academy of Sciences USA 2012; 109: 17028–17033
Else H, Van Noorden R. The fight against fake-paper factories that churn out sham science. Nature 2021; 591: 516–519
Weeks J et al. Trustworthiness assessment as an inclusion criterion for systematic reviews – What is the impact on results? Cochrane Evidence Synthesis and Methods 2023; 1: e12037
Kongwattanakul K et al. Calcium supplementation (other than for preventing or treating hypertension) for improving pregnancy and infant outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews 2024, Issue 11, Art. No.: CD007079
Finkelstein JL et al. Daily oral iron supplementation during pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2024, Issue 8, Art. No.: CD004736
Palacios C et al. Vitamin D supplementation for women during pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2024, Issue 7, Art. No.: CD008873
Wilkinson J et al. Protocol for the development of a tool (INSPECT-SR) to identify problematic randomised controlled trials in systematic reviews of health interventions. BMJ Open 2024;14: e084164
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2025/03/19/wie-fehlerhafte-und-gefaelschte-studien-erkenntnisse-verzerren

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